Das Selbstwertgefühl
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Woher kommt eigentlich das Selbstwertgefühl? Diese Frage wird viel zu selten gestellt. Es gibt auch nicht nur eine schematische Antwort, sondern hier ist die Komplexität unserer Persönlichkeit auf vielerlei Weise angesprochen.

Aber generell gilt: Hüten wir uns vor dem so üblichen und inzwischen schon als normal empfundenen Herabwirtschaften unserer Selbstwertschätzung! Wir leben leider inzwischen in einer Zeit und Kultur, in der das Sich-selbst-Infragestellen, das Hervorheben der eigenen Defizite und Schwachpunkte zu den allgemein geforderten Standardritualen gehört — nicht überall in der Welt oder in Europa, aber in Deutschland mit Sicherheit.
Am besten wird das klar, wenn man beobachtet, welcher Kult um alles getrieben wird, was mit "Selbstkritik" zu tun hat. Da wird immer wieder gefordert, man solle gefälligst "selbstkritisch" sein, "sich selbst kritisch betrachten", sich und die eigenen Einstellungen "hinterfragen" usw.

Für abstumpfte, hohle Charaktere mag das durchaus auch mal nützlich sein, aber als verinnerlichte Grundhaltung ist es gewiss nur noch schädlich und zersetzend. Jeder neigt ohnehin dazu, sich selbst viel kritischer und unfähiger zu sehen, als er in den Augen anderer erscheint. Wer empfindet sich schon als gutaussehend, intelligent, reif oder interessant? Spricht man z.B. attraktive junge Frauen auf ihr Äußeres an, so kommen sie einem mit den verrücktesten Kleinigkeiten:

"Aber..."
"Aber, meine Haarfarbe..."
"Aber, ich bin doch viel zu dick..."
"Aber, meine Beine sind doch zu..."

Ist sie schlank, dann empfindet sie sich als "zu dünn", ist sie fülliger, dann als "zu dick". Fast keine — wirklich fast keine — empfindet ihr Äußeres als zufrieden stellend!

Und männlichen Kandidaten wird mit steter Beharrlichkeit eingehämmert, sie hätten noch "nicht genug geleistet" — es gäbe da noch Karriereleitern, die erst noch zu erklimmen wären, ihre Geldmittel seien bei weitem noch nicht tragfähig genug. Immer wieder heißt es da:

"Du bist noch nicht...",
"Du musst noch..."
"Ja, wenn du mal erst..."
"Der X, der hat, aber du..."

Dieses Rennen verläuft wie das zwischen dem Hasen und dem Igel. Wer damit erst einmal anfängt, der bringt nichts mehr zustande, sondern reibt sich völlig auf. Und erst ganz am letzten Punkt des Zusammenbruchs, wenn seine Wünsche immer noch nicht in Erfüllung gegangen sind, merkt er vielleicht — wenn überhaupt! —, wie aussichtslos und absurd das ganze Spiel war.
Aber wie viele kommen so weit?
Diese Tretmühlen nützen vielleicht der Wirtschaft, aber nicht dir. Fürs Selbstwertgefühl brauchst du nichts Neues, sondern es reicht das, was du jetzt hast. Erkenne deine Stärken, und du hast mehr zu Gebot, als du je ahntest. Und sei stolz darauf — ohne Einschränkungen und Relativierungen!



Selbstwertgefühl, das ist kompromisslose Positivität in Einstellung und Ausstrahlung. Das ist das Durchschauen des so einfachen Zusammenhangs, wie wenig es bringt, sich immer nur im Problemewälzen und Jammern zu ergehen und sich von den politischen Hiobsnachrichten der Medien hypnotisieren zu lassen.

Selbstwertgefühl — das muss man hegen und pflegen, so dass es langsam, langsam wächst. Und dann ist der andere fast zwangsläufig dankbar, wenn wir uns ihm zuwenden.

Deshalb ist der erste Schritt nicht, auf den anderen zuzugehen und von ihm Bestätigung zu erhoffen, um sich daraufhin selbst wertvoll fühlen zu können, sondern sich selbst gut zu fühlen und die eigene Lebensfreude zu päppeln. Düstere Stimmungen rechtzeitig zu verabschieden und sich für Glück und Frohsinn zu entscheiden — für Tanz und Lachen. Sollen die anderen weiter ihre Gesichter verziehen und ihre Sorgenfalten hegen! Sollen sie weiter denken, das müsse nun mal so sein und trage ganz gewiss zum historischen Fortschritt bei, denn man müsse sich ja aller Zwiespältigkeiten und Komplexitäten des modernen Daseins bewusst werden! Sollen sie — laß' sie da sitzen — du brauchst sie nicht. Vermutlich ist es ihr Verständnis von Glück, lass' es sie auskosten bis zur bitteren Neige, denn so wollen sie es, und versuche bloß nicht, sie daran zu hindern oder ihnen zu helfen.

Selbstwertgefühl erzeugt Neid, aber auch das darf uns nicht abbringen. Dieser Neid ist die Bestätigung, auf dem richtigen Weg zu sein. Es ist heimliche Bewunderung.

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*Der Text "Das Selbstwertgefühl" wurde von http://www.reschke.de/ideenmagazin/2_swg.htm übernommen*